Ingnahl Magadan "Kleines Grauen (Idyll)"

 
von Julia Ritterskamp

 

Schaut man aus größerem Abstand und ohne Kenntnis des Titels auf den Leuchtkasten, hat dieser fast etwas Heimeliges. Vor einem monochrom schwarzen Hintergrund glänzt plastisch eine idyllische Wald-Szene: ein Reh mit 2 Kitzen. Das Reh und ein Kitz schauen den Betrachter aufmerksam an, während sich das zweite Kitz nicht beim Asen stören lässt. Erst im Akt des Sich-Näherns wird man sich der Täuschung gewahr. Denn ein Idyll ist es garantiert nicht, welches uns die Konzeptkünstlerin Ingnahl Magadan hier präsentiert. Die mit Metallicfarben lackierten Setzkastenfiguren, welche als Motiv für den Leuchtkasten dienen, sind mit dem Blut der Künstlerin überzogen. Es ergießt sich weiter über den Sockel, auf dem „Obersalzberg“ zu lesen ist.

Die Spannung zwischen geradezu kitschiger Idylle und dem unermesslichem Grauen ist hier mit sparsamen, aber wirkungsvollen künstlerischen Mitteln umgesetzt. Die Künstlerin fängt quasi wie in einem Präparat für die Mikroskopie alles ein, was wir mit dem Begriff „Obersalzberg“ automatisch verbinden. Kaum jemand kann „Obersalzberg“ hören, ohne „Hitler“ zu denken. Der Diktator nutzte gezielt die gleichermaßen idyllische wie majestätische Kulisse der Berge rund um das inzwischen zu Berchtesgaden gehörenden Dorf für seine unheiligen Zwecke: Hier posierte er als volksnaher Staatsmann – und führte gleichzeitig vom Tisch im Berghof aus seinen rücksichtslosen Angriffskrieg. Eine Einladung auf den Obersalzberg– quasi privat – war für Parteimitglieder der NSDAP und Staatsgäste eine hohe Auszeichnung und gleichzeitig wurden ab 1933 die ursprünglichen Dorfbewohner schonungslos zwangsumgesiedelt. Bambi – als Sinnbild für die heile Welt – ist mit Menschenblut befleckt! Die als Sujet gewählte historische Setzkastenfigur, geschätzte Erinnerung an unbeschwerte Urlaube, wird in direkten Zusammenhang mit Gewalt gebracht.

Das Spiel mit der unmittelbaren Wahrnehmung des Betrachters und dem doppelbödig hintersinnigem Titel „Kleines Grauen (Idyll)“ funktioniert so subtil, dass man das hell leuchtende Rot des frischen Blutes gar nicht wahrnimmt.

Wenden wir nun den Blick von der Vergangenheit zur aktuellen Weltlage ist die Arbeit von Ingnahl Magadan auch so lesbar: Die wahren Täter versteckten sich im Laufe der Geschichte immer wieder hinter von ihnen missbrauchten Werten wie Tradition, Familie und Glauben. Menschliche Grausamkeiten werden verpackt in schönen Schein und wohlige Versprechen. Wer die über-ideologische Denkweise von Ingnahl Magadan kennt, weiß, dass sie dieses Grundprinzip der Verknüpfung von menschlichen Sehnsüchten und Destruktion nicht an einer Ideologie festmacht. Das gefällige Motiv führt uns sanft auf’s Glatteis. Vielleicht muss auch das zweite Kitz jetzt mit dem Asen aufhören und endlich aufmerksam in die Welt schauen?

Vor diesem Hintergrund ist es eine logische künstlerische Entscheidung, mit der Arbeit ganz physisch hinaus in die Welt zu gehen. Magadan ließ hierzu 2025 den Mantel "Just a casual comment on cruelty" anfertigen. Dieser hat bewusst den Schnitt eines Armee-Mantels, wurde jedoch im Bouclé-Stoff aus einer früheren Chanel-Collection ausgeführt. Der Mantel ist wollig weich und wohlig warm. Um das Militärische bewusst zu brechen, entschied sich Magadan dafür, den Mantel in Fransen auslaufen zu lassen. Auf dem Rücken des wollig-militärischen Stücks ist ein Druck der Arbeit "Kleines Grauen (Idyll)" aufgenäht, um den die lässige Aussage „Just a casual comment on cruelty“ in goldenem Garn rund herum gestickt ist. Auf dem Innenfutter des Mantels läuft folgender Text in Endlos-Version: "You cannot heal your own damages by damaging other people". Mit dem Mantel wird deutlich, dass es Magadan bei der Arbeit um eine Art „deep dive“ in die Wurzeln menschlicher Feindseligkeit geht und nicht um eine konkrete (partei-)politische Aussage. Es geht um Verweis auf die Anatomie menschlicher Destruktivität – und das in einer äußerst anschmiegsamer Form.

Bei dem Leuchtkasten "Kleines Grauen (Idyll)" ist vor den Sockel mit der Aufschrift „Obersalzberg“ – glänzend, fast wie frisch gefallener Schnee – etwas Salz gestreut. In der Magie ist Salz ein Mittel gegen böse Geister, traditionell auch ein Glücksbringer und Symbol der Reinheit. Zu hoffen wäre, dass das Salz hier und heute seine Wirkung entfaltet. Ebenso wie Reh und Hirsch, die in der Symbolik durch den jährlichen Abwurf des Geweihs uns schon in mittelalterlichen Bestiarien Erneuerung und Erlösung versprechen.