inter deum et diabolum semper saltatio est
von Julia Ritterskamp
Das Foto zeigt einen wie aus der Hüfte geschossenen Ausschnitt eines Kirchenraums. Nicht geometrisch, aber kompositorisch fokussiert auf etwas, das wie ein Anhänger wirkt, der auf einer Bank aus altersbedingt stark nachgedunkeltem Holz liegt. Jedoch handelt es sich hier nicht um eine Beschriftung, sondern um eine Seite aus einem Kunstkatalog mit zugehöriger Legende. Das Blatt zeigt eine Tänzerin und stammt aus dem Katalog des 1952 gegründeten Matisse-Museums in Le Cateau-Cambrésis in Frankreich. Die dort abgebildete Grafik „Danseuse au tabouret“ ist Teil der Publikation „Dix Danseuses“ (Zehn Tänzerinnen), ein von Matisse 1927 herausgegebenes Portfolio mit 10 Lithographien [1].
Soweit, so gut. Zitate oder Etiketten (letzteres vor allem im Rahmen der Werkgruppe „Asservatenkammer“) arrangiert mit räumlichen Inszenierungen sind für das Œuvre von Ingolf Timpner schließlich charakteristisch. Insofern überrascht diese Kombination eines nicht näher spezifizierten Kirchenraumes mit einem Blatt aus einem Kunstkatalog nicht wirklich. Ebenso typisch für den Künstler ist die Aufforderung, genauer hinzuschauen und sich entsprechend Fragen zu stellen. Wie zum Beispiel: Warum ist die ausgerissene Katalogseite mit Draht versehen statt zum Beispiel mit eine Schnur oder Kordel? Der Draht ist verbogen und wurde ganz offensichtlich mehrfach benutzt. Geht man zu weit in der Interpretation, wenn man dies in Bezug zu den teilweise übermenschlich verbogenen Posen der Ballerinen und somit berufsbedingten Schmerzen dieser Frauen setzt?
Möbel und Architekturelemente aus dunklem, altem Holz, weißer Marmor, Fliesenboden: Sie bilden einen starken Gegensatz mit ihren Qualitäten von Kälte, Härte und Überdauern im Gegensatz zur ephemer wirkenden Leichtigkeit der dargestellten Ballerina. Diese sitzt auf einem Hocker, das Bein lässig um ein Stuhlbein gehakt. Diese Art des Einhakens ist eine Grundbewegung des Pole-Dances. Der Stangentanz, welcher seine Wurzeln in Asien im 12. Jahrhundert hat, wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Wanderzirkussen in den USA und dann auch in Europa heimisch.
Timpner stellt in seiner Komposition also den Innenraum einer katholischen Kirche der Tänzerin gegenüber, die recht freizügig Einblick unter ihr Tutu gewährt. Trotz – oder vielleicht gerade wegen - der reduzierten und pointierten Komposition prallen in diesem Werk des Künstlers konträre Welten auf mächtige Weise aufeinander.
Denkt man an das Motiv des Tanzes bei Matisse, kommen sicher zuerst ganz andere Bilder in den Sinn als das hier vorliegende. Eines der berühmtesten Werke des Künstlers ist schließlich „Der Tanz“. Es existieren 2 Fassungen, die eine ist im MoMA in New York und die andere in der Eremitage in St. Petersburg zu sehen. Warum wählt Timpner also für sein Matisse-Zitat nicht eines dieser kunsthistorisch wesentlich bedeutsameren Werke? Die Tänzerinnen Matisses der 1920er Jahre wirken realistischer als die formal reduzierteren, archaischen Figuren der berühmten Reigen von 1909/1910. Auf den ersten Blick würde man also definitiv die älteren Werke des Künstlers zum Thema eher für die jüngeren und moderneren Arbeiten halten. Dies könnte sich durch die allgemeine Zeitgeschichte erklären, so war der dazwischen liegende Erste Weltkrieg schließlich ein herber Schlag für alles Moderne. Doch ist es wirklich, wie es auf den ersten Blick scheint? Dass dieses kleinformatige, grafische Blatt in Schwarz-Weiß geradezu altbacken wirkt, neben den abstrahierten, starkfarbigen und kraftvollen Reigen-Bildern von 1909/1910? Die Tänzerin in der von Ingolf Timpner ausgesuchten Grafik ähnelt – auch wenn die Kleidung sie primär als Balletteuse ausweist – mit ihrer zwanglosen Haltung und dem kessen Bubikopf vielmehr dem Typus des Flapper-Girls. Flapper Girls tanzten mit Höhepunkt in den 1920er Jahren den Charleston und besuchten Clubs. Auch das Rauchen und Trinken sowie wechselnde Affairen waren den jungen Frauen dieser Bewegung nicht fremd. Sie liebten es generell, Dinge zu tun, die sich für Frauen nicht schickten und die sie als Aufsässige charakterisierten.
Und hier schließt sich der Kreis wieder und man staunt, mit wie minimalen künstlerischen Gesten Ingolf Timpner ein großes Ausmaß an Konnotationen erschafft. Fast wie ein eigenes Universum.
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[1] Henri Matisse, Original Lithographie "Danseuse au tabouret" aus „Dix Danseuses“, Original Lithographie auf Arches Papier, 1927, Bild 43,8 x 27,6 cm; Papier 50,3 x 32,7 cm, recto unten links nummeriert sowie mit Bleistift handsigniert, Auflage /130, Claude Duthuit “Henri Matisse, Catalogue Raisonné de l’oeuvre gravé”, Nr. 481





























